Wer jemals Unterricht bei Len Del Ferro hatte, erinnert sich an einen begeisterten und charismatischen Mann mit großem Einfühlungsvermögen, einem ansteckenden Lachen und einem unerschütterlichen Glauben an die Möglichkeiten jedes einzelnen Menschen.
Als international gefeierter Opernsänger stand er gemeinsam mit Größen wie Maria Callas auf der Bühne und trat in den renommiertesten Opernhäusern der Welt auf, von Covent Garden in London bis zur Scala in Mailand.
Dennoch lag seine größte Leidenschaft nicht auf der Bühne, sondern darin, Menschen zu helfen, die stotterten. Len entdeckte, dass der Schlüssel zum flüssigen Sprechen in der Beherrschung der Atmung und des Zwerchfells lag. Mit dieser Erkenntnis entwickelte er die Del-Ferro-Methode und gab Tausenden von Menschen die Möglichkeit, wieder frei und flüssig sprechen zu lernen.
Eine vielseitige Persönlichkeit mit einem analytischen Geist
In den sechziger Jahren ließ sich der gebürtige Amerikaner Len Del Ferro in Amsterdam nieder. Er verliebte sich nicht nur auf den ersten Blick in die Stadt, sondern auch in eine junge Frau in einem strahlend weißen Kleid auf der Terrasse des American Hotels.
„Das ist sie. Das wird meine Frau“, sagte er entschlossen zu seinen Tischgenossen.
Er sollte Recht behalten. José wurde seine große Liebe und stand ihm für den Rest seines Lebens bedingungslos zur Seite.
Wer Len einmal kennengelernt hatte, vergaß ihn nicht so schnell. Er war eine schillernde Persönlichkeit mit einem großen Herzen, einem ansteckenden Lachen und einem ganz besonderen Sinn für Humor. So konnte er beispielsweise mitten im Supermarkt einfach so eine Arie für die Kassiererin singen, nur um jemanden zum Lachen zu bringen.
Der berühmte niederländische Sänger René Froger erinnert sich noch gut an ihn:
„Len war ein extravaganter Mann, der regelmäßig im ‚Bolle Jan‘, dem Café meines Vaters, vorbeikam. Oft kam es vor, dass er dort spontan laut zu singen begann. Er hatte ein großes Herz, konnte aber auch sehr streng sein, wenn man seine Stimme überstrapazierte.“
Hinter dieser farbenfrohen und ausgeprägten Persönlichkeit verbarg sich jedoch ein scharfer, neugieriger und analytischer Geist. Len gab sich nicht mit bestehenden Erklärungen zufrieden. Er wollte verstehen, wie der menschliche Körper wirklich funktionierte und was sich hinter dem Verhalten der Menschen verbarg. Er stellte immer wieder Fragen, stellte Zusammenhänge her und suchte nach Antworten, die über das hinausgingen, was allgemein angenommen wurde.
Der Physiotherapeut Michael Davidson erinnert sich daran, wie Len einmal mit Rückenbeschwerden in seine Praxis kam. Noch bevor das Gespräch richtig begonnen hatte, sagte er:
„Sie stottern. Und wissen Sie, warum?“
Len erklärte, welche entscheidende Rolle die Atmung und das Zwerchfell beim Sprechen spielen.
„Für mich war es, als wären mir die Scheuklappen von den Augen gefallen“, erzählt Davidson. „Niemand hatte mir jemals erklärt, was ich beim Sprechen mechanisch falsch gemacht habe.“
Diese Neugierde, verbunden mit seinem fundierten Wissen über Stimme, Atmung und den menschlichen Körper, bildete die Grundlage für die Entdeckung, aus der einige Jahre später die Del-Ferro-Methode hervorgehen sollte.
Sein festes Lebensmotto, das er sowohl seinen Kursteilnehmern als auch seiner Tochter Ingrid mit auf den Weg gab, war ebenso einfach wie inspirierend:
The sky is the limit.
Der Durchbruch im Jahr 1978
Die Grundlage für die bewährte Del-Ferro-Methode entstand 1978 durch Zufall. Ein deutscher Tenor besuchte Len in Amsterdam, um seine Gesangstechnik zu verfeinern. Im Alltag stotterte er jedoch stark. Das Paradoxon war faszinierend: Beim Singen flossen selbst die schwierigsten Arien mühelos aus seinem Mund, während er beim Sprechen völlig blockieren konnte.
Für Len war dies eine wichtige Erkenntnis. Wie konnte jemand beim Singen völlig stotterfrei sein, während er beim Sprechen stark stotterte? Das zeigte ihm, dass die Sprachorgane in der Lage waren, flüssig zu funktionieren.
Len wusste, dass eine gute Beherrschung des Zwerchfells die Grundlage für eine kraftvolle und kontrollierte Singstimme bildet. Er unterwies den Tenor in seiner speziellen Atemtechnik. Als der Tenor diese Technik auch beim Sprechen anwandte, geschah etwas Bemerkenswertes: Er sprach völlig stotterfrei.
Für Len war dies der Beginn einer neuen Sichtweise auf das Stottern. Er erkannte einen direkten Zusammenhang zwischen der Kontrolle des Zwerchfellmuskels und der Sprachflüssigkeit. Ausgehend von dieser Entdeckung entwickelte er die Grundlagen der Methode, die später als Del-Ferro-Methode bekannt werden sollte.
Von der Hypothese zur wissenschaftlichen Forschung
Gestärkt durch diese Entdeckung wollte Len verstehen, was genau im Körper eines Menschen vor sich geht, der stottert. Er gab sich nicht mit den bestehenden Erklärungen zufrieden, sondern machte sich auf die Suche nach einer körperlichen Erklärung für den auffälligen Unterschied zwischen Sprechen und Singen.
Seine Hypothese weckte auch das Interesse des Neurologen Dr. J.C.J. van Hemert. Er war der Erste, der eine wissenschaftliche Untersuchung zur Hypothese von Len durchführte und mithilfe von Röntgenaufnahmen untersuchte, was während des Sprechens im Körper vor sich ging. Dabei zeigte sich, dass das Zwerchfell bei Menschen, die stottern, unkontrollierte Bewegungen ausführt.
Sein allererster Kursteilnehmer, der Pianist Peter Kranen, begleitete Len regelmäßig bei Gesangsproben. „Die Methode hat sehr gut funktioniert, und ich habe bis heute viel Freude daran“, erzählt Kranen. Auch Jahrzehnte später spürt er noch immer die Vorteile seines Trainings. Durch das gezielte Training des Zwerchfellmuskels können die Kursteilnehmer bereits ab dem ersten Kurstag stotterfrei sprechen.
Was Len 1978 entdeckt hat, untersuchen wir heute mit modernen Messmethoden weiter. Wir verfolgen die Entwicklung unserer Kursteilnehmer genau und erfassen ihre Fortschritte in der Sprachflüssigkeit systematisch.
Der Stotterer: Eine Ode an die Sprachfreiheit
Wie tief dieser körperliche und geistige Sieg das Leben eines Menschen prägt, hat der ehemalige Kursteilnehmer Peter Hovestadt in seinem Gedicht, das er speziell für Len und die Methode verfasst hat, wunderschön zum Ausdruck gebracht:
Ich spreche stockend, Wort für Wort,
und lächle scheu und befangen.
Man meidet es, mir ins Gesicht zu seh’n,
ist ein Wort heraus, kommt das nächste mit Bangen.
So lebe ich weiter in Angst und in Not,
werde stiller und stiller, tagaus und tagein.
Kein Sprachlehrer konnte mir helfen bisher:
„Du musst damit leben“ – so sollte es sein.
Doch tief in mir bleibt die Hoffnung besteh’n,
einst einen vollen Saal zu bewegen.
Mein größter Traum wird niemals vergeh’n,
dass Menschen mir atemlos lauschen und schweigen.
Da weist mir ein Freund den Weg nach Amsterdam,
wo ich lerne, mich durch mein Zwerchfell zu führen.
Nach einigen Monaten spüre ich dann:
Ich weiß nun gewiss – es kann funktionieren.
Del Ferro kannte es schon von den Griechen,
er brachte es in die Praxis – mit Erfolg.
Das geflügelte Wort auf goldenen Flügeln,
getragen vom Zwerchfell, frei von Druck und Zwang.
Mein Traum ist erfüllt, und niemand weiß,
dass ich einst so hapernd gesprochen.
Und wenn ich eines Tages selbst es vergess’ –
ist das Siegel des Mundes für immer zerbrochen.
Nun stehe ich hier vor vollen Sälen,
mein Wort fließt frei von Ohr zu Ohr.
Ich kann befreit wieder Atem holen,
und niemals seh’ ich Spott mehr hervor.
Ein Erbe der absoluten Leidenschaft
Lens’ Genialität reichte über die Welt des Gesangs hinaus. Im Rahmen einer der Studien von Dr. Van Hemert stellte sich heraus, dass Lens’ Erkenntnisse möglicherweise weit über das Stottern hinaus anwendbar waren. Es wurden unter anderem Untersuchungen zu Hyperventilation und Belastungsasthma durchgeführt, aber auch zur möglichen Rolle der Atmung bei Kondition, Ausdauer, Regeneration und Konzentration.
Diese neuen Erkenntnisse führten Len anschließend in andere Bereiche. Auch der Spitzensport erwies sich als faszinierendes neues Betätigungsfeld. Der Radsport-Teamleiter Peter Post und der Ajax-Trainer Johan Cruyff baten Len, sein Wissen und seine Atemtechnik im Spitzensport anzuwenden. Len stürzte sich voller Begeisterung in die Aufgabe und untersuchte in der Praxis, welchen Nutzen seine Methode für Sportler haben könnte.
Die Erfahrungen, die Len dort sammelte, passten zu seiner ständigen Suche nach den Möglichkeiten der Atmung und des Zwerchfells. Sie zeigten ihm, dass seine Methode nicht nur in der Stottertherapie, sondern auch in anderen Bereichen interessante Anwendungsmöglichkeiten haben konnte.
Als ihn ein Journalist einmal skeptisch fragte, ob die Stottertherapie nach seiner erfolgreichen Opernkarriere nicht einen Rückschritt darstelle, war seine Antwort vielsagend:
„Ich hatte eine fantastische Gesangskarriere und habe sie in vollen Zügen genossen. Aber Erfolg auf der Bühne ist vergänglich. Wenn ich ein Kind, das sich bisher nie richtig ausdrücken konnte, dank meiner Methode plötzlich fließend sprechen höre, dann gibt mir das eine zutiefst erfüllende Befriedigung. Tiefer als jede Standing Ovation.“
Len glaubte nicht daran, dass sich mit dem Stottern abfinden müsse. Während Stotterern lange Zeit vor allem beigebracht wurde, ihr Stottern zu akzeptieren und damit zu leben, wollte Len gerade untersuchen, ob es möglich war, es loszuwerden. Für ihn war Stottern keine Einschränkung, mit der man sich zwangsläufig abfinden musste, sondern ein Problem, das man vollständig überwinden kann.
Am 16. Mai 1992 verstarb Len Del Ferro an den Folgen einer Lungenembolie. Doch sein Lebenswerk ist heute lebendiger denn je. Er weigerte sich, an chronische Einschränkungen zu glauben, und lehrte die Welt, endgültig mit dem Stottern abzuschließen. Seine einzigartige Erkenntnis lebt in jedem Kursteilnehmer weiter, der heute zum ersten Mal voller Selbstvertrauen das Wort ergreift.